Interview mit Siemens-Manager Gerald Kromer zum Microsoft Office Communications Server

„Heute bietet Micosoft Unified Communications keine Telefonanlage“

16.10.2007 | Redakteur: Ulrike Ostler

Gerald Kromer, Vice President Strategy von Siemens Enterprise Communications, zeigt Unerschrockenheit anlässlich des OCS-Launches

In der Schweiz gibt es die Lösung schon, in Deutschland soll „Microsoft Unified Communications“ am 16. Oktober 2007 auf den Markt kommen. Damit dringt Microsoft in einen Markt vor, der bisher Herstellern von Telefonanlagen vorbehalten war. Gerald Kromer, Vice President Strategy des hiesigen Marktführers Siemens Enterprise Communications, nimmt im Interview mit SearchNetworking Stellung zur Konkurrenzsituation mit dem ehemals innigen Partner.

Das Microsoft Developer Center for Collaboration Technologies in Zürich ist hervorgegangen aus dem Ende 2005 von Microsoft übernommenen Start-up, das VoIP-Techniken entwickelt. Hier entstanden maßgebliche Komponenten der Kernapplikation für Microsoft Unified Communications, „Office Communications-Server 2007“ (OCS). Der Server steuert alle Echtzeit-Kommunikationswege: Instant Messaging, VoIP, Audio- und Videokonferenzen.

Die Entwicklungin Zürich ist laut Microsoft-CEO Steve Ballmer der Grund, warum das Produkt zuerst in der Schweiz verfügbar sei. „Heute ist für mich und unsere Mitarbeiter der Tag, von dem viele Entwickler auf der ganzen Welt träumen: Weltweit eine Software lancieren zu können, die den Arbeitsalltag für Millionen Anwendern produktiver macht“, zitieren schweizerische Medien den Microsoft-Chef. Dieser geht davon aus, dass in nur drei Jahren weltweit bereits 100 Millionen Anwender über den PC telefonieren.

Der Server besitze ein Potenzial, dessen Sprengkraft insbesondere von den klassischen Telefonanlagenanbietern möglicherweise unterschätzt werde, äußern sich Frank Imhoff, technischer Direktor, und Michael Wallbaum, leitender Berater der Comconsult Beratung und Planungs GmbH. Sie verweisen darauf, dass weit über 90 Prozent aller Clients weltweit Microsoft Betriebssysteme und Office-Anwendungen nutzen. „Dann wird schnell klar, dass eine integrative Kommunikationslösung von Microsoft praktische keine Konkurrenz mehr hat“, sagen sie.

Das sieht die Konkurrenz naturgemäß anders. Hierzulande ist Siemens der Marktführer. Vice President Kromer steht SearchNetworking Rede und Antwort:

SearchNetworking: Lehrt Sie Unified Communications von Microsoft das Fürchten?

Kromer: Nein. Bis jetzt hat Microsoft eine Vision, wir Implementationen. Die Microsoft-Lösung ist proprietär, unsere ist offen. Mit dem OSC haben Unternehmen noch keine vollständige Kommunikationslösung. Mit unserem Angebot Hipath 8000 schon. Außer dem OCS braucht es noch eine ganze Reihe anderer Produkte. Doch wer will das schon?

SearchNetworking: Das müssen Sie näher erläutern. Wie viele Kunden setzen die Hipath 8000, ihren Softswitch, bereits ein?

Kromer: Zahlen darf ich leider keine nennen. Aber ich kann verraten: Das Produkt verkauft sich wie warme Semmeln. Analysten bescheinigen uns schon seit Jahren, dem Markt technisch voraus zu sein. Jetzt zeigt sich, dass es sich lohnt der Technologieführer zu sein.

SerachNetworking: Was fehlt denn der Microsoft-Lösung?

Kromer: Zunächst ist Microsoft selbst noch nicht klar in der Positionierung von OCS. Es gibt dort sowohl Manager, die das Produkt als vollwertige PBX, also als Telefonanlage, platzieren möchten, andere hingegen sind realistischer und verweisen darauf, dass es einer Zusätzlichen Kommunikationsinfrastruktur bedarf.

Jedenfalls taucht Microsoft zum Beispiel im Gartner Magic Quadrant zur Unternehmenstelefonie bisher noch nicht einmal auf. Bestenfalls verfügt OCS in drei bis fünf Jahren über die Funktionen einer Telefonanlage.

In jedem Fall aber ist eine heutige Lösung sehr komplex und zudem sehr proprietär. So brauchen die Anwender spezifische Clients, wie den „Communicator“. Sodann ist ein Mediation Server für die Anbindung an existente PBX-Anlagen notwendig. Für Unified Communications, das die Bezeichnung verdient, sind zudem neben Exchange etwa auch Conferencing-, Speech-, und Video-Server notwendig.

Unsere Technik aus Hipath 8000 und Openscape hat offene Schnittstellen, so dass die Anwender sich eine Best-of-breed-Lösung zusammenstellen können. IBM hat unsere Kommunikations-Software-Suite Openscape sogar so gut gefallen, dass sie nun unter der Bezeichnung „Unified Telefony“ als Bestandteil der Groupware-Produktfamilie „Lotus Sametime“ zu haben ist.

SearchNetworking: Adressieren Sie den überhaupt denselben Markt? Wen gewinnen Sie als Kunden und wen Microsoft?

Kromer: Erst einmal teilen wir die Vision von Microsoft, dass sich mit der Implementierung von Kommunikation als Software die Möglichkeit ergibt, Kommunikationsprozesse und Arbeitsabläufe massiv zu verändern bezeihungsweise deutlich zu optimieren. Insofern hoffen wir sogar auf die gut funktionierende Marketing-Maschinerie. Sie dürfte viele Anwender erreichen und sie mit der Frage konfrontieren, inwieweit herkömmliche Telefonie für sie noch die richtige Lösung ist. Das wird den Markt für Unified Communications beleben und wir können so vom Microsoft-Markteintritt sogar profitieren.

Das beantwortet auch die zweite Frage: Wir adressieren dieselben Kundengruppen. Es gibt eine volle Überschneidung mit dem OCS, in dem Maße wie Microsoft das Produkt als Unified-Communications-Lösung positionieren möchte.

Doch wen wir als Kunden gewinnen, steht auf einem anderen Blatt. Wir bekommen die Kunden, die bereits heute eine stabile, vielfach erprobte Lösung mit vollem Funktionsumfang wünschen und zudem auf Interoperabilität setzen. Microsoft-Kunden hingegen wünschen alles aus einer Hand und wollen auf eine stabile Lösung warten. Schließlich verfügt OCS über nur einen geringen Funktionsumfang.

SearchNetworking: Welche Features fehlen dem OCS denn?

Kromer: Zur Kommunikation fehlen ganz grundlegende Funktionen, zum Beispiel eine so genannte „Nine-Eleven“-Funktion, also die Möglichkeit, unter allen Umständen einen Notruf absetzen zu können. Auch die so genannte „Branch Office Survivability“ ist heute nicht gegeben. Hipath-Lösungen dagegen schalten bei einem Ausfall des Wide Area IP Netzes auf Telefonnetz um, und sichern so die Arbeitsfähigkeit von Filialen oder sonstigen Außenstellen von Unternehmen. Auch eine Chefsekretär-Funktion fehlt, genauso wie Möglichkeiten zur Erhebung von Anrufdaten zur internen Weiterverrechnung. Alles in allem komme ich auf 40 bis 50 Funktionen, an der es der OCS-Kommunikation mangelt - heute ist Micosoft Unified Communication eben einfach keine Telefonanlage.

SearchNetworking: Heißt das, die Unternehmen brauchen in jedem Fall zusätzlich eine PBX-Anlage?

Kromer: Ja.

SearchNetworking: Eine IP-fähige Anlage?

Kromer: Irgendeine. Ideal wäre natürlich die Anbindung an ein Kommunikationssystem der neusten Bauart, das offene Standards unterstützt wie unsere Hipath 8000. OCS kann aber auch an gängige PBX-Anlagen angechlossen werden, sofern diese CTI unterstützen.

In vielen Fällen dürfte die Microsoft-Lösung dann sogar ein Upgrade notwendig machen. Außerdem braucht ein Unternehmen neue Endgeräte, da OCS keine Existenten Endgeräte anderer Hersteller unterstützt. Mit unserer Software ist das übrigens nicht unbedingt notwendig.

SearchNetworking: Sie sagen, die Microsoft-Lösung sei proprietär. Doch wie Siemens setzt das Unternehmen auf den offenen Kommunikationsstandard Session Initiation Protocol (SIP).

Kromer: Das stimmt. Die gesamte Technik ist trotzdem proprietär. Die Anbindung einer PBX an OCS erfolgt über einen so genannten Mediation Server, eine Art Gateway aus dem hause Microsoft, dessen Schnittstellen nur eine sehr eingeschränkte Funktionalität unterstützt. Das lässt sich von keinem Hersteller umgehen. Jede Integration endet hier. Das war mit dem „Life Communication Server“, dem OCS-Vorläufer noch anders.

SearchNetworking: Gilt diese Integrations-Restriktion auch für die Microsoft-Partner Cisco und Nortel?

Kromer: Mir ist nichts anderes bekannt.

SearchNetworking: Herr Kromer, besten Dank für das Gespräch.

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