Handelsbilanzdefizit und zaghaft investierende Unternehmen

Experton verteilt nur Durchschnittsnoten für deutschen ICT-Markt

14.08.2007 | Redakteur: Martin Hensel

Luis Praxmarer verteilt schlechte Noten.

Im Bereich der „Information and Communication Technology“ herrscht beim Exportweltmeister Deutschland laut einer Experton-Studie offenbar Nachholbedarf. Die Marktforscher vergaben in diesem Bereich nur die Gesamtwertung „Befriedigend“, vor allem aufgrund eines Handelsbilanzdefizites sowie mangelnder Investitionen von Unternehmen.

Weltweit weist der ICT-Markt eine Größe von über 2.100 Milliarden Euro auf. Doch wie die Experton Group in einer aktuellen Studie berichtet, kann Deutschland im Segment „Information and Communication Technology“ im internationalen Wettbewerb nur eine befriedigende Gesamtnote einheimsen.

Hierzulande hemmt ein Handelsbilanzdefizit die Fortschritte, zudem investieren Unternehmen zögerlich. Entscheidungsträger konzentrieren sich in öffentlichen und privaten Firmen oft eher auf die Verwaltung statt auf Gestaltung, sagen die Marktforscher. Das Erreichen einer wissensbasierten Gesellschaft und ein Europa mit Deutschland an der Spitze lassen sich laut Experton, wenn überhaupt, nur noch mit großer Kraftanstrengung realisieren.

Speziell im ICT-Markt weist Deutschland ein Handelsbilanzdefizit von 6,4 Milliarden Euro auf und ist damit eher ein High-Tech-Importeur als –Exporteur. Der Binnenmarkt selbst hat eine Größe von 136 Milliarden Euro erreicht und wächst leicht. Viele deutsche ICT-Unternehmen betrachten die zunehmende Globalisierung eher als Bedrohung und nicht als Chance. Die Ausnahme schlechthin scheint die SAP AG zu sein. Während das Walldorfer Unternehmen aus dem Potenzial Kapital schlägt, sind Siemens und die Deutsche Telekom unter Druck geraten.

Lob und Tadel für einzelne Marktsegmente

Allerdings wirkt sich die Globalisierung nicht in jedem bereich gleich aus. Insbesondere der Dienstleistungsbereich ist gegenüber dem Produktbereich nicht so stark vdavon betroffen und bietet lokalen Firmen und Niederlassungen von Großunternehmen noch sehr gute Entfaltungsmöglichkeiten, wenngleich in einem hart umkämpften Segment. Insgesamt vergibt Experton hier ein „Ungenügend“ für Deutschland, da man es nicht geschafft habe, zu einem Vorreiter und Net-Exporteur zu werden und somit nur eine untergeordnete Rolle im internationalen Markt spiele.

Etwas besser sieht laut Experton die Lage im Teilbereich „ICT-Einsatz in Unternehmen“ aus, für den die Marktforscher ein „befriedigend“ vergeben. Sowohl Durchdringung als auch Einsatz ähneln sehr den führenden Staaten. Unterschiede finden sich vor allem bei der Produktivitätssteigerung in den letzten 25 Jahren durch Einsatz von IT. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde konnten die USA eine Steigerung von 50 Prozent erzielen, während in EU-Ländern nur zwei Prozent erreicht wurden. Deutschland positioniert sich dabei etwa in der Mitte des EU-Feldes.

Sparen vor Investieren

Deutsche Unternehmer lassen offenbar den gestaltungswillen vermissen. Höchste Priorität genießen stattdessen Kosteneinsparungen. „Obwohl so manche ihre Hausaufgaben im Kostenbereich gemacht haben, sträubt sich doch der Großteil, die schwierigen Themen wie Mitarbeiter, Produktivität, Prozesse, Portfolio-Management, Innovation und Beitrag als auch Nachweis zum Geschäftserfolg anzugehen“, erläutert Luis Praxmarer, Global Research Director der Experton Group. Über Dreiviertel aller IT-Organisationen in Deutschland haben den ITO-Level 0 bis 2, weniger als 25 Prozent sind im Level 3 bis 5 angesiedelt. Erst in letzterem kommt es zu ICT-Investitionen, während darunter nur von Kosten gesprochen wird.

Ein „gut“ fährt Deutschland in der Kategorie „Privater Einsatz“ ein. Die Pro-Kopf-Ausgaben für ICT liegen hierzulande leicht über dem EU-15-Durchschnitt, aber gegenüber führenden Staaten deutlich niedriger. Dies spiegelt sich auch in der PC-Durchdringung wider: In Deutschland kommen 43 Rechner auf 100 Einwohner, während beispielsweise die Schweiz 87 PCs pro 100 Einwohner aufweisen kann. Trotzdem nutzen 68 Prozent der Bevölkerung das Internet, zudem ist der deutsche Online-Gesamtumsatz in Europa führend.

Mangelndes öffentliches Interesse

Dem steht ein „mangelhaft“ im öffentlichen Bereich gegenüber, da eine Förderung der ICT-Branche auf Bundesebene laut Experton nicht zu erkennen ist. Laut den Markforschern gehe das Engagement über „Lippenbekenntnisse, fehlende Zielvorgaben und Fördertöpfe, die im Vergleich zu Kohle- und Agrarsubventionen wie lächerliche Brotkrümel aussehen“ nicht hinaus.

Deutschland sei besonders im E-Government sowie in der Ausbildung, was Qualität und ICT-Ausstattung betrifft, gegenüber der Weltklasse abgerutscht. „Stillstand bedeutet hier klar Rückschritt“, betont Praxmarer. Vor Jahren sei man noch stolz auf die meisten verlegten Glasfaserkilometer gewesen, habe aber effektiv nichts daraus gemacht. Damit sei das in Lissabon gesetzte Ziel, bis 2010 die führende wissensbasierte Gesellschaft zu werden, in weite Ferne gerückt.

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