03.03.2008 | Redakteur: Stefan Riedl
Zwei tief ansetzende Trends pflügen derzeit den Markt für ERP-Software im Mittelstand um: SOA (Service-orientierte Architekturen) und SaaS (Software-as-a-Service) werfen Gewohntes über den Haufen und ändern die Art und Weise, wie ERP-Software Ressourcen im Unternehmens-Labyrinth steuert und verwaltet.
Sowohl das Vertriebsmodell als auch die grundlegende Software-Architektur von ERP-Software unterliegen gegenwärtig einer so schnellen Evolution, dass man eher „Revolution“ sagen müsste. Die gemeinsamen Nenner für beide Einflussfaktoren lauten „Internet“ und „Service“. Bei SOA verzahnen sich Unternehmen über elektronische Geschäftsprozesse, die als Services über das Web bereit gestellt werden; bei SaaS wird Software als Service in einem Mietmodell über das Internet angeboten.
Oberflächlich betrachtet sind Service-orientierte Architekturen (SOA) schwer zu fassen und als Technologie oft missverstanden. Betrachtet man SOA hingegen als Architektur, stimmt die Richtung. SOA in ERP-Systemen ist die Lösung für mehrere Anforderungen im aktuellen Wirtschaftsleben, das geprägt ist von firmenübergreifenden Geschäftsprozessen und elektronischen Beziehungen zwischen Unternehmen.
Bei SOA werden die Daten für übergreifende Geschäftsprozesse über eine verkapselte Service-Schnittstelle im Web bereit gestellt. Dank Standards wie SOAP, WSDL und UDDI herrscht Plattformunabhängigkeit.
ERP-Software hat die Aufgabe, die Unternehmensressourcen zu planen und zu steuern. In Kombination mit SOA haucht sie ehemaligen Worthülsen wie „Efficient Customer Response“ (ECR) und „Real Time Enterprise“ (RTE) in der Praxis Leben und Bedeutung ein. Beispielsweise dann, wenn die ERP-Anwendung über Web-Services Verkaufsdaten aus dem Handel in Echtzeit empfängt und darauf reagieren kann. Kurzfristig, wenn es um Regal- und Lagerbestände geht. Mittel- und langfristig, wenn es sich um aktuelle Abweichungen zu den Forecasts (Business Activity Monitoring, BAM) oder um Entscheidungen im Bereich des Produktmanagements dreht.
Wenn sich beispielsweise abzeichnet, dass sich Produkt A am besten in schwarz verkauft, muss diese Info aus dem Handel schnell zu den Verantwortlichen in der Produktionsplanung wandern.
Aber auch in der anderen Richtung bringt SOA in einer ERP-Lösung mehr Effizienz in die Handelskette: Immer mehr Anbieter stellen über Webservice-Schnittstellen ihren Kunden Produktdaten zur Verfügung. Windows Vista hat diesen Trend bereits mit der Sidebar aufgegriffen, auf der kleine Verkaufs-Gadgets geparkt werden können. In diesem Beispiel greift das Gadget über einen Webservice auf die Daten im ERP des Großhändlers zu und meldet in Echtzeit zum Beispiel: „Das iPhone ist jetzt zu diesem Preis in dieser Anzahl verfügbar“.
Egal in welche Richtung die Daten fließen, das so genannte „Business Activity Monitoring“, also das Bereitstellen von Echtzeit-Geschäftszahlen, stellt hohe Ansprüche an die Akteure im ERP-Geschäft.
Die Möglichkeiten sind enorm: Außendienstmitarbeiter greifen dank Webservices auf Kundendaten zu. Ebay-Powerseller drucken über Online-Services bereits frankierte Adressaufkleber an ihre Kunden aus ihrem ERP-System aus. Ein Webservice der Post macht es möglich. Im Supply Chain Management, beispielsweise bei der Just-in-Time-Logistik, sind elektronische Geschäftsbeziehungen über Webservices zwischen Unternehmen unterschiedlicher Produktionsstufen nicht mehr wegzudenken. Im Wareneingang werden Daten mobil erfasst und über eine Webservice-Schnittstelle ans ERP-System übertragen.
Als ob ihnen etwas anderes übrig bliebe: ERP-Hersteller setzen voll auf Service-orientierte Architekturen. Beispielsweise Sage Software. Das Unternehmen zählt mit 25 Jahren im Markt und einer viertel Million Kunden zu den Platzhirschen im deutschen Mittelstand. Die ERP-Suite „Office Line Evolution 2009“ für KMUs in der Größe von zehn bis 200 Mitarbeitern setzt den SOA-Ansatz über die .Net-Technologie von Microsoft um. „Dadurch erhalten unsere Kunden eine zukunftssichere Lösung, die mittelständischen Unternehmen langfristigen Investitionsschutz gewährt“, so Peter Dewald, Geschäftsführer der Sage Software GmbH. Mit anderen Worten: SOA ist die Zukunft.
Ein gutes Beispiel für einen gelungenen Web-Service hat Sage gleich integriert: Sage Software und die Deutsche Post Com stellen einen Signaturdienst für mittelständische Unternehmen bereit. Sie können aus dem ERP heraus Rechnungen signieren und per eMail versenden. Möglich macht dies eine Schnittstelle zwischen den Warenwirtschaftsprogrammen und der Signaturplattform der Deutschen Post, die den Dienst in ihrem gesicherten Trust-Center in Darmstadt betreibt. Doch Sage ist nur ein Beispiel für SOA-Integration in ERP-Suiten. An der Integration von Web-Services kommt eigentlich keiner mehr vorbei.
So bestimmt SOA viele Produktneuvorstellungen der kommenden CeBIT. Auch Semiramis verfolgt beispielsweise in der Version 4.4 den SOA-Ansatz. Viele machen gar kein großes „Tamtam“ mehr ob ihrer Service-orientierten Architektur – sie ist inzwischen ein Quasi-Standard. Doch das birgt auch Gefahren: Wenn SOA-Technologie mit Hochdruck „nachimplementiert“ wird, ist das Ergebnis kritisch zu hinterfragen. Solche Ansätze – auch „Rucksacklösung“ genannt, schleppen oft den monolithischen Kern des ERP-Systems als Ballast mit. Allein die Praxis zeigt, welche Lösungen wirklich rund laufen.
Der zweite große Trend, der den ERP-Markt gegenwärtig prägt, ist das Vertriebsmodell „Software-as-a-Service“ (SaaS). Die Marktforscher von Gartner postulierten bereits: „Bis zum Jahr 2012 wird mindestens ein Drittel der Ausgaben für Business Application Software auf Software-as-a-Service basieren anstatt auf Produktlizenzen“. Für viel Wirbel sorgt in diesem Zusammenhang gegenwärtig das ERP-Schwergewicht SAP. Der Konzern will stärker im Mittelstand punkten und startete in diesem Jahr nach einigen Referenzprojekten mit dem Volumengeschäft einer ERP-Suite für den Mittelstand im Mietmodell über das Internet (Software-On-Demand).
Dieses Grundkonzept für Internet-Mietsoftware war bereits Ende 2000 unter dem Schlagwort ASP (Application Service Providing) ein Thema, welches letztlich aber enttäuschte. Markt und Zielgruppe waren noch nicht reif für das Konzept. SaaS gilt als Nachfolger des ASP-Modells, unterscheidet sich aber in einigen Punkten: Das ASP-Modell war beispielsweise nicht mandantenfähig. In der Praxis stand beim ASP-Ansatz, der sich nicht so recht durchsetzen wollte, jedem Kunden eine eigene Plattform zur Verfügung. Bei SaaS hingegen betreibt der Anbieter eine Plattform für alle Kunden. SAP macht sich mit dem „Business ByDesign“ getauften Produkt selbst Konkurrenz, hinsichtlich der anderen beiden Mittelstandslösungen „Business One“ und „All-in-One“.
Was hat der Einfluss des omnipräsenten Internets dem Markt für ERP-Software also gebracht? Auf der einen Seite wird ERP-Software dank Web-Services in firmenübergreifende Geschäftsprozesse eingebunden. Das ist eine komplexe Angelegenheit, die viel Fachwissen beim Partner erfordert. Auf der anderen Seite müssen sich Partner in einem Volumengeschäft von SaaS-Software zurecht finden, in dem die Wertschöpfung des Resellers tendenziell weniger ausmacht. Hier gilt: Angeboten wird, was im ERP-Markt nachgefragt wird – und die Bandbreite ist zwischen komplex und standardisiert genauso buntscheckig wie die Anforderungen in den mittelständischen Unternehmen.
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