IBM-Chef-Techniker Gunter Dueck: Die Cloud ist, kann und wird...

IBM-CTO: „Die Cloud wächst schneller als manchem Anbieter lieb ist“

02.02.2010 | Redakteur: Ulrike Ostler

So ist Cloud-Computing nicht per Definition billiger als die IT vor Ort?

Gunter Dueck: Doch. Clouds müssen so gebaut werden, dass der Service billiger wird. Alles muss günstiger, aber auch leistungsfähiger sein: I/O, Speicher, Prozessoren, … Außerdem braucht es eine neue Produktionstechnik. Doch fehlt hier noch die Erfahrung, welches die beste Architektur ist.

Gunter Dueck: „Eine Glasfaser allein auf dem Campus, hilft nicht.“
Gunter Dueck: „Eine Glasfaser allein auf dem Campus, hilft nicht.“

Noch ist auch in den meisten Fällen unklar, was ein IT-Service eigentlich kostet. Dazu ein Beispiel. Für eine IT-Abteilung steht fest, neue Hardware muss her. Dann wird ein Gremium gebildet, das darüber diskutiert, welche, in welchem Umfang, wie teuer und wann das sein darf. Doch zumeist gibt es noch Notfall-Meetings, weil der Bedarf schon viel früher eine Anschaffung erfordert und das Budget nicht ausreicht. Letztlich kostet schon der Bestellprozess in vielen Unternehmen mehr als die anzuschaffende Hardware.

Auch ein Umbau der Prozesse und eine Bereinigung der IT findet nicht statt, dafür bleibt keine Zeit, es fehlen die Leute und die Phantasie. Stattdessen wird alles so gemacht wie vorher und eine IT-Strategie auf später verschoben.

Ich hätte gerne so etwas wie Total Cost of Usage, eine Kostenbetrachtung für einen gesamten Dienst oder Vorgang. Bei einer Reiseabrechnung würden nicht nur Flugticket, Tagespauschale, Taxi und Parkgebühren verrechnet, sondern auch Aufwand für die Vorbereitung und für die Reisekostenabrechnung selbst.

Wenn quasi ein Preisschild an jeder IT-Leistung hinge, würde das Transparenz und Vergleichbarkeit erzeugen.

Derzeit sind die größten Treiber für die Cloud die Discounter unter den Anbietern. Doch unter Umständen fallen die Anbieter auf die Nase, die jetzt billig anbieten können, wenn die Nachfrage und damit die Belastung der Cloud steigt. Andere Anbieter sind der Meinung, es sei vielleicht eine gute Idee, wenn sie mit ihren Cloud-Angeboten etwas zögerlicher umgingen. Später wird vielleicht die Marke oder auch die Qualifizierung von Premium-Diensten wichtiger. Auch unter den Verbrauchern gibt es immer diejenigen, die Kartoffeln aus der Pfalz kaufen und Schrobenhausener Spargel.

Ist eine Cloud sicherer?

Gunter Dueck: Wäre ich bei einer Bank, hätte ich vielleicht auch Angst, dass ich diesen hohen Sicherheitsstandard nicht wiederfinden würde. Andererseits ist ein Handy total unsicher – es gibt Funklöcher, die Daten können abgefangen werden und das Gerät selbst kann verloren gehen – wird es deshalb nicht genutzt? In vielen mittelständischen und kleinen Betrieben fehlt ohnehin das Verständnis und Know-how für Sicherheit.

Allerdings nehmen Mittelständler bisher kaum Cloud-Angebote wahr.

Gunter Dueck: Das kann sein. Es ist noch weitgehend unverstanden, welches Potenzial die Cloud bietet. Stellen Sie sich einen Friseur vor, der gerne eine etwas intelligentere Kasse hätte, die nicht nur Tasten für Lang- und Kurzhaarschnitt, für Färben, Waschen und Legen hätte, sondern auch zugleich eine Erfassung in seiner Buchhaltung und ein Reporting-System mitbringen würde, das ihm am Ende des Tages sagen kann, für wie viel Umsatz das Lehrmädchen gesorgt hat. Eine solche im Prinzip kleine Anwendung wird nie geschrieben, weil der Friseur die Entwicklungskosten scheut. Doch in der Cloud finden sich vielleicht ganz viele Friseure, die sich eine solche Anwendung wünschen – und ein Anbieter, für den sich dann die Erstellung rechnet. In jeder Branche gibt es vergleichbare Applikationswünsche.

Das erinnert an das Prinzip mit den Apple-Apps.

Gunter Dueck: Ich träume von eine riesigen Portal mit Applikationsangeboten. Als Unternehmen nutze ich nur noch diese aus dem Web und das andere werfe ich weg. Denn wofür sollte ich eine komplette Rendering Software kaufen, wenn ich nur einmal aus einem Film meine eigene Präsentation herausschneiden will, mit nur einem Schnitt, der den Film teilt?

Clouds bestehen nicht nur aus Applikationen und Rechenleistung – unabdingbare Voraussetzung sind breitbandige, gut ausgebaute Netze.

Gunter Dueck: Die Netzinfrastruktur ist im Moment der Flaschenhals. Einem Versicherungsagenten hilft es gar nicht, wenn sein Unternehmen auf dem Campus ein Gasfasernetz betreibt. Er muss vor Ort erreichbar sein. Dafür müssen alle Netze, Funk und Kabel, dringend ausgebaut werden. Ganze Industriezweige können nicht entstehen, wenn keine WAN-Kapazitäten zur Verfügung stehen, zum Beispiel die Betreuung von Patienten aus der Ferne oder denken Sie an die quasi gefühlsechten Video-Konferenzen, an denen Cisco derzeit entwickelt: Die brauchen derzeit so etwas wie 20 Gigabit.

Meine politische Forderung lautet: Jedem Haushalt sollte mindestens 1 Gigabit zur Verfügung stehen. Das ist etwa 10 mal so viel, wie er braucht. Diese Überkapazität lässt sich für andere nutzen.

Wenn heue ein Haus gebaut wird, müssen die künftigen Hausbesitzer Erschließungskosten zahlen, darin enthalten sind Wasser- und Stromanschlüsse, aber auch Umlagen für Bürgersteige, Straßen und Laternen. Diese nutzt auch nicht nur der Hausbesitzer. Wieso kann er nicht auch noch die 10 Euro für ein Glasfaserkabel bezahlen?

Doch auch Bund, Länder und Gemeinden, sowie die Provider stehen in der Pflicht. Ohne Netzinfrastruktur kann es keine E-Democracy geben, nicht einmal eine elektronische Steuererklärung.

Mit einer geeigneten Infrastruktur überall können die (Cloud)-Entwickler endlich innovativ werden, ohne wird die (Cloud)-Entwicklung nur sinnlos aufgehalten.

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