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White Box Networking bietet mehr Auswahl, aber nicht nur Vorteile

Der Umstieg auf White Box Networking mit günstiger Hardware bietet viele Vorteile. Aber durch Support und Zeitaufwand können hohe Kosten entstehen.

Ob sich Software-Defined Networking (SDN) langfristig durchsetzen wird, darüber ist man sich noch nicht einig. White Box Switching könnte aber eine echte Chance haben.

Disruption (Unterbrechung) ist ein Modewort, das man für jede Idee benutzt, die den Status Quo zu stürzen droht. Gerade im Bereich Netzwerk hat es in den vergangenen fünf Jahren sehr viel Disruption gegeben. Im Speziellen hat SDN die Idee einer zentralisierten Kontrolle wieder zum Leben erweckt. In diesem Fall managen Anwendungen die Konfiguration des Netzwerks. Sie schicken an die Netzwerkhardware und -software Befehle, sofern sie sich in der gleichen Domäne befinden. Das Herzstück ist ein zentraler Controller.

White Box Switching ist ein Nebenprodukt von SDN. Es entkoppelt die physische Netzwerk-Switch-Hardware von der Software-Komponente Network Operating System (NOS). Während Anbieter und Nutzer immer noch über den Wert von SDN und einer zentralisierten Netzwerkkontrolle nachdenken, könnte White Box Switching durch die eigenen Vorteile überleben. Das gilt auch dann, wenn sich SDN nicht durchsetzt.

White Box Switching kennt man auch als Open Networking. Die Idee dahinter ist, dass sich Unternehmen einen Switch nach Wahl kaufen und diesen mit dem bevorzugten NOS koppeln können. Administratoren sind diese Flexibilität bei Servern gewohnt. Bei Netzwerken ist die Sachlage anders, weil die Anbieter ihre Software in der Regel eng mit der eigenen Hardware verbinden.

Diese Herangehensweise erlaubt es den Anbietern, ihr NOS so zu entwickeln, dass die Hardware vollständig ausgenutzt wird. Das bedeutet auch, dass der Anbieter für diese Komponente einen Aufschlag verlangen kann. Verwendet eine Firma ein standardisiertes Verfahren für die Konfiguration der Switches, ist sie für die Durchführung der Prozesse an eine spezielle Eingabeaufforderung gebunden. Dieser Umstand schmeckt einigen IT-Abteilungen gar nicht. Sie haben das Gefühl, das man Ihnen für die Hardware zu viel Geld aus der Tasche zieht, damit sie die favorisierte Software verwenden können.

Was aus finanzieller Sicht noch etwas mehr weh tut ist die Tatsache, dass viele Netzwerk-Switches zum Großteil die gleiche Hardware verwenden wie die standardmäßigen White-Box-Gegenstücke. Genau genommen haben die Netzwerkanbieter das Design für die Chips, sowie die Produktion an Dritte wie zum Beispiel Broadcom ausgelagert. Die Chipsätze Trident II, Trident II Plus und Tomahawk finden Sie in proprietären und White Box Switches gleichermaßen. Die Performance ist exakt gleich.

Kennt man diese Fakten, dann stellt sich natürlich eine Frage. Warum soll man extra Geld für einen Netzwerk-Switch zahlen, wenn die internen Komponenten identisch zu denen von Konkurrenzprodukten sind? Den Unterschied machte bisher immer das Betriebssystem für die Netzwerkkomponente. Entkoppelt man aber Hardware und NOS, dann können Unternehmen die Hardware anhand von Leistungsmerkmalen und Kosten auswählen und sie mit einem NOS betreiben, das die eigenen Ansprüche erfüllt.

Was White Box Networking für Veränderungen mit sich bringt

Ist White Box Switching wirklich eine gute Idee? Überlegen wir uns, wann ein Einsatz von White Box Switches Sinn ergibt und werfen wir auch einen Blick auf die Folgen dieses Netzwerkmodells. Der Angebotsmarkt für Open Networking ist noch relativ jung und die Technologie eignet sich nicht für jeden.

Das stärkste Argument für White Box Switching ist sicherlich Auswahl. Unternehmen haben die Möglichkeit, das NOS je nach Belieben zu tauschen, ohne neue Hardware kaufen zu müssen. Diese Freiheit bietet einer Firma höhere Flexibilität beim Betrieb Ihrer Netzwerkinfrastruktur.

Betriebliche Umstellungen sind immer schwierig. SDN hat Anbieter allerdings angetrieben, eine Funktion in ihre Switches zu implementieren, die sich Netzwerkprogrammierbarkeit nennt. Dafür setzen sie auf Application Programming Interfaces (APIs) und andere standardisierte Protokolle wie zum Beispiel OpenFlow oder NETCONF. Netzwerk-Administratoren müssen sich in diesem Fall nicht mit der Kommandozeile plagen, um einen Switch zu konfigurieren. Stattdessen lassen sich andere Tools wie zum Beispiel vorgefertigte Skripte oder Anwendungen von Drittanbietern nutzen. Die Abhängigkeit von einer speziellen Kommandozeilensyntax ist somit reduziert.

Man muss sich aber an dieser Stelle bewusst sein, dass Netzwerkprogrammierbarkeit nicht garantiert, dass die Interaktion mit APIs, OpenFlow oder NETCONF auf jedem Netzwerk-Switch identisch sein wird. Die Anwenderfreundlichkeit kann sich sehr unterscheiden. Die Branche hat es bisher noch nicht geschafft, Netzwerkkonfiguration zu einer allgemeinen und plattformunabhängigen Aufgabe zu machen. Der Vorteil ist enorm, ein eigenes NOS wählen zu können. Den Effekt eines Wechsels des NOS spürt man aber dennoch.

Der Kostenfaktor durch die Öffnung der Märkte

Allgemein gesprochen werden Unternehmen White Box Networking wegen der Auswahlmöglichkeit attraktiv finden, wenn sie ihre Netzwerk-Switches mithilfe einer SDN-Anwendung eines Anbieters konfigurieren. Auf diese Weise muss sich eine IT-Abteilung keine Sorgen machen, wie die Switches konfiguriert werden. Stattdessen interagieren die Mitarbeiter mit der Anwendung, die sich um die Details bei der Konfiguration kümmert. Im Idealfall hat die Firma Entwickler im eigenen Haus, die eine maßgeschneiderte Netzwerkanwendung erstellen und sie genau auf die Anforderungen des Unternehmens anpassen.

Ein weiterer Antriebsfaktor für White Box Switching sind die Kosten. White Box Switches eignen sich für Unternehmen, die die gesamten Betriebskosten ihrer existierender Netzwerkinfrastruktur genau kennen. Nur dann können Sie die Kosten zwischen proprietärer Hardware und White Box Switching vergleichen.

Wie Sie an White Box Switching herangehen

White Box Switching könnte sehr viel Zeit der IT-Abteilung in ihrem Unternehmen beanspruchen. Nachfolgend finden Sie einige Kernpunkte, die Sie in die Überlegung aufnehmen sollten:

  1. Seien Sie sich im Klaren, warum Sie es brauchen. Das White-Box-Modell kann ein sehr starker Ansporn sein. Das gilt aber nur dann, wenn ihr derzeitiger Netzwerkanbieter schlecht für die Geschäftsagilität oder das Budget ist. Sie sollten diese Änderung nicht nur durchführen, weil es sich um ein Novum handelt. Stellen Sie sicher, dass es einen triftigen Grund gibt.
  2. Kennen Sie das Betriebsmodell. Kennen Sie den momentanen Netzwerkbetrieb in Ihrem Unternehmen im Detail. Das ist sehr wichtig, wenn Sie White Box Switching evaluieren. Die Änderung wird sich auf die Mitarbeiter auswirken. Das gilt auch für die Bereitstellung des Services, das Monitoring der Systeme und so weiter. Kennen Sie den momentanen Betrieb genau, können Sie einen Plan für die Umstellung auf das neue Modell austüfteln.
  3. Fangen Sie klein an und testen Sie ausgiebig. White Box Networking ist kein Alles-oder-Nichts-Ansatz. Unternehmen mit einer existierenden Infrastruktur können mit einer Testumgebung anfangen. Auf diese Weise lassen sich Switch Hardware und Leistungsmerkmale von Software genau unter die Lupe nehmen. Das gilt auch für die Prozesse beim Provisioning, den Möglichkeiten für das Management und die Integration mit dem existierenden Netzwerk. Erst danach sollten Sie wenige Switches in die produktive Umgebung aufnehmen. Am besten fangen Sie mit Bereichen an, in denen das Risiko sehr gering ist.

Gefühlsmäßig sollte eine White-Box-Hardware günstiger als ein Switch von einem namhaften Anbieter sein, auch wenn die Interna gleich sind. Beim Einkauf wirkt sich das positiv auf die Kosten aus. Das NOS wird sich bei Preis und Einkaufsmodell unterscheiden.

Bei den Gesamtbetriebskosten sollten Sie bedenken, dass sie sich nicht nur aus der Summe von Switch und NOS zusammensetzen. Einige NOS lassen sich nur als Abonnement beziehen. Dann müssen Sie noch mögliche Kosten wie Support-Verträge, Schulungen für Mitarbeiter und Integration mit dem herkömmlichen Netzwerk einrechnen.

Im Endeffekt ist die Entkopplung der Netzwerkhardware von seiner Software aus den gleichen Gründen attraktiv, wie das auch bei den Servern der Fall war. Allerdings ist die Zukunft von White Box Switching alles andere als gesichert. Die großen Netzwerkanbieter werden ein offenes Modell natürlich nicht mit offenen Armen empfangen, da es den Kunden mehr Auswahl lässt.

Im zweiten Artikelteil sprechen wir über Anbieter, die White Box Switching unterstützen.

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Artikel wurde zuletzt im Februar 2016 aktualisiert

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